Ein Höhepunkt für die Käthe-Kollwitz-Schule war das Treffen in Langenselbold, als unsere Schule der Gastgeber für die Partnerschulen aus Österreich, der Türkei, Bulgarien, Portugal und Italien war. Dies war nach dem Besuch in Sofia bereits das zweite Treffen an dem Lehrer und Schüler teilnahmen.
Das Treffen an der Käthe fand vom 25. März bis zum 31. März statt. Die 15 Lehrer und 21 Schüler trafen am Sonntag ein und wurden von ihren Gastgebern am Bahnhof in Langenselbold willkommen geheißen. Am ersten Tag lernten die Gäste die Altstadt von Gelnhausen kennen, wo die Lehrer in einem Hotel untergebracht waren.
Das Motto des Treffens war die Vermittlung humanistischer Werte im Unterricht. Wie kann es gelingen, dass nicht nur Fakten und Formeln gelernt werden, sondern dass die Schüler Empathie verspüren, dass beispielsweise im Geschichtsunterricht nicht nur Geschichte gelernt, sondern VON der Geschichte gelernt wird. Ein Ansatz ist die Schaffung von Authentizität. Hierfür sind außerschulische Lernorte ein probates Mittel. Exemplarisch besuchten wir das Flüchtlingslager in Hanau. Der Leiter der Erstaufnahmeeinrichtung, Andreas Jäger, berichtete von der Organisation und von dem Procedere, das ein Flüchtling vom Moment der Ankunft in Deutschland bis hin zur Bereitstellung einer Wohnung und Integration im kommunalen Leben, durchläuft. Teil dieser Integration ist die Teilhabe schulpflichtiger Kinder an Bildung. Der Lehrer Sebastian Hardies, der an der Käthe mit der Organisation des Deutsch-Unterrichts für Schüler, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, vertraut ist, gab uns darüber Auskunft, wie ein schulpflichtiges Flüchtlingskind an der Käthe unterrichtstechnisch integriert wird. Es herrscht allgemein eine Übereinkunft, dass das Erlernen der Sprache eine wichtige, vielleicht die wichtigste Voraussetzung für eine erfolgreiche Integration ist. Deswegen liegt bei Neuankömmlingen der Fokus auf den Deutschunterricht, so dass schließlich eine sukzessive Eingliederung in den Regelunterricht stattfinden kann.

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Am Dienstag besuchten unsere Gäste zum ersten Mal die Käthe. Unser Schulleiter, Herr Hamann, hieß die Delegation in der Aula willkommen und betonte, wie stolz er sei, Gäste aus ganz Europa begrüßen zu dürfen. Später arbeiteten die Schüler in Gruppen an dem Thema "Humanistische Werte im Geschichtsunterricht". Hierzu hat die neunte Klasse von Herrn Rau einen Workshop über den Film "Im Westen nichts Neues" vorbereitet. Der Film basiert auf die Erinnerungen und Erlebnisse von Eva-Maria Remarque, der als Soldat im Ersten Weltkrieg kämpfte. Wir diskutierten über die Auswirkung von Krieg mit all seiner Grausamkeit auf den einzelnen Menschen. Was macht das mit einem Menschen, wenn er mit unvorstellbarer, willkürlicher Grausamkeit konfrontiert wird? Die Schüler kamen zu dem Schluss, dass in Krieg keine Humanität stecken kann.

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In einer lebhaften Runde diskutierten die Lehrer einige Ideen zur Durchführung von Geschichtsunterricht an der Schule. Folgenden Punkten wurde zugestimmt:

  • Geschichtsunterricht sollte nicht nur Wissen vermitteln.

  • Es ist wichtig, dass die Schüler Empathie fühlen, sonst besteht Geschichtsunterricht nur aus dem Erlernen von Daten und Namen.

  • Die Schüler sollen die Auswirkungen der Vergangenheit auf die Gegenwart begreifen. Somit verstehen die Schüler automatisch dass ihr jetziges Handeln Auswirkungen auf künftige Generationen haben kann.

  • Wenn möglich, sollte der Geschichtsunterricht auf eine lokale Ebene runtergebrochen werden.

Ein weiterer wichtiger Programmpunkt war der Besuch des Kommunikationsmuseums in Frankfurt. Das Recht auf - und die entsprechende Möglichkeit zur - unzensierten Kommunikation bedeutet Freiheit und Freiheit bedeutet letztendlich Demokratie. In der Geschichte der Menschheit ist klar zu sehen, dass freie Kommunikation und Demokratie unzertrennbar sind. Deshalb wird jeder Politiker, der seine Macht auf Kosten der Demokratie stärken will, früher oder später die freie Meinungsäußerung einschränken. Die Entwicklung vieler Länder rund um den Erdball, in denen dies gerade geschieht, verdeutlicht, dass das Recht auf freie Meinungsäußerung nicht selbstverständlich ist. Es wurde in vielen Ländern hart erkämpft aber es kann leicht wieder abgeschafft werden, wenn niemand dafür eintritt. Im Museum konnten die Schüler die Geschichte der Kommunikation von frühen Tonscherben bis hin zum Internet bestaunen.

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Neben der Geschichte beschäftigten wir uns auch mit der Kunst. In Vorträgen verdeutlichten die Schüler die Auswirkungen, die Kunst auf eine Gesellschaft haben kann. Es wurde herausgestellt, dass Kunst immer im Kontext einer Epoche zu sehen ist und nicht erfasst werden kann, ohne diese in die Betrachtung mit einzubeziehen. Darüber hinaus wurde betont, dass Kunst auch manipulativ sein kann. Als Beispiel dienten Kunstwerke, die bewusst geschaffen wurden, um Vorurteile zu bekräftigen oder um ethnische Gruppen zu diffamieren. Anschließend haben sich die Schüler in Workshops aufgeteilt und beispielsweise die Kunst des "Marbling", eine uralte Asiatische Kunstform, gelernt. Dafür werden spezielle Farben in eine flüssige Lösung gegeben. Mit Hilfe eines speziellen Stabs werden Muster erstellt, die anschließend zu Papier gebracht werden. Inspiriert von den Workshops, erstellten die Schüler eine Collage "Die Zukunft der Menschen liegt in deinen Händen".

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Der Höhepunkt der Woche war der Auftritt des weltberühmten Künstlers
Oğuz Şen. Der Künstler aus Frankfurt ist bekannt dafür, dass er sich politisch engagiert. Der Sinn seiner Kunst liegt nicht nur in der Schönheit der Werke sondern in deren Aussage. In seiner Präsentation zeigte er seine wichtigsten Werke und erklärte seine Intention und seinen Hintergrund. Sein aufsehenerregendstes Werk war eine Zusammenarbeit mit seinem Kollegen Justus Becker. Ein 120 m² großes Gemälde zeigt das tote Flüchtlingskind Aylan Kurdi, das bei dem Versuch, nach Europa zu gelangen mit seiner Mutter und seinem Bruder ertrunken ist. Şens Anliegen dabei ist, dass jeder, der das Werk sieht, sich mit den unmenschlichen Umständen, denen Menschen, die gezwungen sind, ihre Heimat zu verlassen, ausgesetzt sind, auseinander setzt. Das neueste Projekt behandelt die gleiche Thematik: Eine Neuinterpretation des "Floß der Medusa" von Gericault. Statt Soldaten, wie auf dem Original, befinden sich auf dem Werk von Şen und Becker Flüchtlinge in Seenot. Das Werk soll, um ein Zeichen zu setzen, dem Europäischen Parlament als Geschenk überreicht werden. In Şens Augen sollte Kunst eine kreative und bunte Methode sein, um gegen Fremdenfeindlichkeit anzukämpfen.
Durch das kurzweilige Programm verging die Woche wie im Flug, so dass es uns viel zu schnell vorkam, als wir unsere Gäste am Freitag am Bahnhof in Gelnhausen verabschiedeten.
Im Mai trafen sich die Lehrer des Projekts schließlich in Wels, Österreich, um ein Zwischenfazit zu ziehen. Man war sehr zufrieden mit den bisherigen Ergebnissen, die auf http://www.eurohumanproject.com/ einzusehen sind und legte den Fahrplan für das zweite Jahr fest. Voraussichtlich stehen noch drei Treffen auf dem Programm. Im Oktober 2017 wird das Treffen in Portugal stattfinden und im April 2018 in Italien. In einem abschließenden Treffen in Antalya, Türkei, werden die Ergebnisse des Projekts zusammengetragen und ein Resümee gezogen.